Der optimale Fahrradsattel

von Kerstin Birke Schmerzfrei im Sattel - nur eine Illusion?

Das Gesäß und der Dammbereich gehören zu den Körperregionen, die beim Radfahren am meisten belastet werden

Beinahe das gesamte Körpergewicht ruht auf einer Fläche, die nur wenige Quadratzentimeter misst. Die Folgen sind häufig Schmerzen, die vor allem auf langen Strecken den Spaß am Radeln deutlich trüben. Bei Leistungssportlern wirken sich dauernde Sitzprobleme oft leistungsmindernd aus und verhindern Erfolge.
Um diesem Dilemma zu entkommen, entwickeln Hersteller immer wieder Fahrradsättel mit neuen Formen und aus innovativen Materialien.
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Auf dem Portal Fahrradsättel.net gibt es einen Artikel zum Thema Fahrradsattel und Kontaktzonen. Dabei werden  die verschiedenen Belastungspunkte am menschlichen Becken erklärt.

  • Doch welche Kriterien beeinflussen den Sitzkomfort wirklich?
  • Ist tatsächlich allein der Fahrradsattel für die Probleme beim Sitzen, inklusive Schmerzen verantwortlich?
  • Welche Komponenten spielen außerdem eine Rolle?
  • Wie können Freizeitradler und ambitionierte Sportler das Problem am besten lösen?

Wissenschaftler, wie Prof. Dr. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln, haben sich mit dem Thema eingehend beschäftigt. Im folgenden Beitrag möchten wir Sie an den interessanten, teils überraschenden Ergebnissen der Untersuchungen teilhaben lassen.

Radfahren mit Jeans Hose
Radfahren mit Alltagskleidung kann wegen der Nähte zu Sitzbeschwerden führen. © www.pd-f.de/ Mathias Kutt

Sitzprobleme - (k)ein lästiges Übel?

Unbestritten hängt die intensive Nutzung des Fahrrades als tägliches Fortbewegungsmittel bzw. als Freizeitsportgerät in großem Maß vom Fahrkomfort ab.Auch die besten Vorsätze, wie etwa, sich künftig mehr an frischer Luft zu bewegen, auf langen Touren die Natur zu genießen oder für den Weg zum Büro die Benzinschleuder gegen ein umweltfreundliches Fahrrad einzutauschen, verpuffen rasch, wenn nach wenigen Minuten im Sattel der Po schmerzt.

Häufig werden dann noch verschiedene Sättel ausprobiert:

Schmal,
breit,
gefedert,
ungefedert,
Leder,
dicke Gelpolsterung usw.

Wenn auch das nichts hilft, kann schmerzendes Sitzfleisch den Fahrspaß derart beeinträchtigen, dass das Rad immer seltener zum Einsatz kommt und irgendwann ganz im Keller landet.

Doch wer nun meint, jeder aktive Triathlet, Rennfahrer oder Mountainbiker hat bezüglich Form, Größe und Beschaffenheit seines Fahrradsattels die ultimative Lösung gefunden, irrt.
Viele ambitionierte Radler landen früher oder später im Wartezimmer eines Arztes, weil ihr Sattel besser zur Optik ihres Rades passt als zu ihrem Körper und dessen Bedürfnissen.

Rennradsättel sind schmaler als Sättel für Tourenräden
Auch Radsportler sind nicht immer frei von Sitzbeschwerden. © www.vaude.com/ pd-f


Deshalb ist sich Prof. Froböse mit seinen Kollegen einig:
Damit Freizeitradler gerne aufs Rad steigen und Radsportler mehr Leistung erbringen können, müssen sie insgesamt ergonomisch und körpergerecht auf ihrem Sportgerät sitzen.

Das bedeutet:

  • Alle Kräfte, allen voran die Druckkräfte, die an den wichtigsten Mensch-Fahrrad-Kontaktstellen wirken, sind so gleichmäßig wie möglich zu verteilen.
  • Die wichtigsten Kontaktstellen sind Füße-Pedale, Hände-Lenkergriffe und Gesäß-Sattel.
  • Sitzprobleme sind immer individuell, sodass auch die jeweiligen Einstellungen stets individuell, idealerweise mit Unterstützung eines geschulten Fachmanns vorgenommen werden müssen.


Fahrkomfort ist nicht unbedingt bequem

Viele Menschen gehen laut Prof. Froböse mit völlig überzogenen Vorstellungen an den Sitzkomfort beim Radfahren heran.

Seinen Erfahrungen zufolge haben vor allem die sogenannten "Genussradler" häufig den Anspruch, dass der Sattel keinesfalls drücken darf.
Den wichtigsten Grund für dieses Denkmuster sieht der Professor in dem Vorurteil, dass Druck im Bereich der Dammregion sofort einen negativen Einfluss auf die männliche Potenz bzw. die weibliche Fruchtbarkeit nimmt und somit schädlich ist.
Diese Bedenken sind zwar nicht vollständig von der Hand zu weisen, dennoch gehört laut Prof. Froböse ein wenig Druck aufs Gesäß zum Radfahren ganz einfach dazu.

Anders als beim Sitzen im gemütlichen Sessel benötigt der Radler ausreichend Bewegungsfreiheit. Darüber hinaus muss der Sattel so beschaffen und eingestellt sein, dass er seinem Nutzer eine stabile Haltung vermittelt, mit der er sein Gefährt sicher kontrollieren kann.

Und wenn man sich vor Augen führt, dass der größte Teil des Körpergewichtes auf der vergleichsweise winzigen Sattelfläche lastet, ist es ganz normal, dass es drückt. Wichtig ist, dass dieses Gefühl eine bestimmte Intensität nicht überschreitet.


Ist ein weicher Fahrradsattel grundsätzlich bequemer als ein harter?

Im Zuge der Studien an der Kölner Sportschule wurde auch diese Problematik ausgiebig untersucht.

Das überraschende Ergebnis verblüffte vor allem die Gelegenheitsradler.
Die Auswertungen ergaben nämlich, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Fahrer, die zu weich sitzen, leiden häufiger unter Sitzproblemen als andere.
Der Grund liegt in der ungünstigen Druckverteilung. Weiches Sattelmaterial verlagert den Sitzdruck aus der normalen Druckzone, die sich unmittelbar unter den Sitzbeinhöckern befindet, nach außen. Hier bilden sich Wülste, die im Laufe der Zeit anfangen zu schmerzen.

Den Studienergebnissen zufolge ist ein harter Sattel, in Verbindung mit einer gepolsterten Radhose plus Sitzcreme, so wie es die Profis praktizieren, besser. Schließlich scheuert der ergonomischste Sattel an der Hosennaht.

An dieser Stelle wird so mancher Alltagsradler einwenden, dass er schlecht mit gepolsterter Hose zum Geschäftstermin fahren kann.
Auch Freizeitradler haben nicht immer Gelegenheit und Muße situationsbedingt die Kleidung zu wechseln. Laut Wissenschaft stellt dieses Thema ein echtes Dilemma dar, das jeder für sich persönlich lösen muss.

Satteljustage
Genauso wichtig wie der richtige Fahrradsattel ist auch die optimale Einstellung um Schmerzen zu vermeiden. www.pd-f.de/ Kay Tkatzik

Gibt es den optimalen Sattel überhaupt?

Die Auswahl an Fahrradsätteln ist riesig, wobei häufig ein schickes Design vor funktioneller Qualität steht. Wie viele seiner Kollegen rät Prof. Froböse, verschiedene Sättel auszuprobieren und letztendlich den zu wählen, der sich, unabhängig von seiner Optik, am besten anfühlt.

Zusätzlich empfiehlt es sich, folgende Hinweise zu beachten:

- Jedes Gesäß ist anders. Was der eine als topbequem empfindet, ist für den anderen ungemütlich.
- Ein guter Sattel passt sich dem Körper an.
- Er lässt seinem Nutzer ausreichend Bewegungsfreiheit.
- Der Werbeslogan "Ergonomie" ist kein Qualitätskriterium, sondern eine Grundbedingung, die jeder Sattel erfüllen muss.
- Eine geschlechterspezifische Unterscheidung in Damensattel und Herrensattel ist nicht zwingend erforderlich. Lediglich die die Breite (Abstand der Sitzbeinhöcker) sowie die optimale Einstellung sind wichtig.


Um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukommen: Es mag nun vielleicht den Anschein haben, dass vollkommen schmerzfreies Sitzen auf dem Fahrradsattel eine Illusion ist.

Hier rät der Experte, Folgendes zu bedenken: Auch Weltklasseprofis schmerzt nach längerer Trainingspause der Hintern. Schließlich besteht das menschliche Gesäß zum Großteil aus Muskulatur. Und Muskeln müssen sich immer an Belastungen gewöhnen, indem sie trainiert werden. Deshalb ist es vollkommen normal, wenn der Po auf den ersten Touren schmerzt - den Profis genauso wie den Hobbyradlern. Erfahrungen zufolge verschwindet dieses Problem bereits nach zwei bis drei Touren innerhalb einer Woche von allein.

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